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07.11.2022

Fachtagung beleuchtete antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der postmigrantischen Gesellschaft

Heidelberg/ Stuttgart. Was verstehen wir unter antisemitismuskritischer Bildungsarbeit? Wie kann diese in unserer postmigrantischen Gesellschaft gelingen? Und welche Ansätze gibt es bereits in der Antisemitismusprävention? Diesen und weiteren Fragen war der Fachtag „Antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der (Post)Migrationsgesellschaft“ am 7. November 2022 mit mehr als 100 Teilnehmenden im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof in Stuttgart gewidmet. Mit der gemeinsamen Ausrichtung der Konferenz kooperierten die Muslimische Akademie Heidelberg i.G., die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bei der Bekämpfung von Antisemitismus und der Diskussion um zukunftsweisende Bildungsformate – erstmals moderiert aus einer muslimischen Perspektive. Die Fachtagung wurde gefördert durch die Baden-Württemberg Stiftung sowie die bpb.

An dem ganztägigen Fachtag nahmen Vertreterinnen und Vertreter von Bildungseinrichtungen, ausder Wissenschaft, jüdische und muslimische Organisationen sowie weitere Expertinnen und Experten teil. Sibylle Thelen, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, erklärte zu Beginn: „Diese Fachtagung ist eine Einladung zu einer Vielfalt der Begegnungen und Perspektiven, die wir benötigen, um im Einwanderungsland Deutschland ein gemeinsames, fruchtbares Gespräch über antisemitismuskritische Bildungsarbeit zu führen.“

Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, erinnerte in seinem Grußwort: „Vom 9. auf den 10. November jährt sich die Reichspogromnacht von 1938 – ein Ereignis, das sinnbildlich für eines der düstersten Kapitel in der deutschen Geschichte steht. Wir dürfen daher nicht zulassen, dass Jüdinnen und Juden heute in Deutschland immer noch Opfer von diskriminierender Gewalt und Anfeindungen werden. Neben der Verschärfung und konsequenten Durchsetzung von Gesetzen spielen Prävention und Bildungsarbeit eine entscheidende Rolle für die Bekämpfung von Antisemitismus. Fachtage wie dieser leisten einen wichtigen Beitrag, Abgrenzung und Vorurteile zu überwinden, soziale Distanz abzubauen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.“

Der Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus Dr. Michael Blume appellierte in seiner Einführung: „Als Arbeiterkind mit ostdeutschem Hintergrund bitte ich darum, dass wir in unsere Debatten auch jene einbeziehen, die selbst keine akademischen Grade erwerben konnten. Denn antisemitische, rassistische und sexistische Stereotype nehmen wir alle über unsere deutschen wie auch zugewanderten Traditionen auf und dürfen daher nicht nur mit den Fingern aufeinander zeigen.“ Cemile Giousouf, Leiterin der Fachabteilung und Vertreterin des Präsidenten bei der Bundeszentrale für politische Bildung, verwies auf die Bedeutung einer gelungenen Bildungsarbeit für das Miteinander: „Politische Bildung für eine offene Gesellschaft umfasst für mich, Vorurteilsstrukturen selbstkritisch zu reflektieren und sich als deren Teil zu begreifen, statt immer nur über den Antisemitismus oder Rassismus ‚der Anderen‘ zu sprechen.“

Yasemin Soylu, Geschäftsführerin der Muslimischen Akademie Heidelberg i. G., stellte die Frage: „Welchen Einfluss haben Migrations- oder Fluchterfahrungen oder das eigene Religionsverständnis auf antisemitische Haltungen und Handlungen? Fakt ist: Antisemitismus ist eine Herausforderung für uns als Gesamtgesellschaft – unabhängig welcher Herkunft oder Religion. Allerdings gründet unser historisches Bewusstsein auf sehr unterschiedlichen Erfahrungen, je nachdem ob es von Migration, Flucht oder der Vergangenheit der NS-Diktatur geprägt ist. Es gilt, dieses historische Bewusstsein zu reflektieren. Hierzu wollen wir als Muslimische Akademie Heidelberg einen Beitrag leisten und diese Debatten proaktiv mitgestalten.“

Im Anschluss an die Begrüßungen ging es in drei Impulsen um antisemitismuskritische Bildungsarbeit in Theorie und Praxis. Dr. habil. Mathias Berek vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin beleuchtete verschiedene Formen des Antisemitismus – von theologisch untermauertem Antisemitismus über sekundären Antisemitismus wie die Relativierung der Shoa bis hin zu Israelbezogenem Antisemitismus, der das Existenzrecht des Staates selbst in Frage stellt. Zudem erläuterte er die „3 D“ zur Erkennung von Antisemitismus: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards.

Désirée Galert aus dem Geschäftsführungsteam der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus stellte verschiedene Projekte des Vereins wie Theaterworkshops, Wanderausstellungen oder Podcasts vor. Sie benannte die Arbeit mit sehr heterogenen Gruppen als eine große Herausforderung in der Bildungspraxis und plädierte dafür, sensible Anknüpfungspunkte zu den jeweiligen Lebensrealitäten der Schülerinnen und Schüler zu schaffen und nicht nur Raum für Wissensvermittlung, sondern auch für Emotionen zu bieten.

Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment und des Vereins OFEK e.V., forderte vor allem Mut, sich von alten Ansätzen in der schulischen Bildung im Bereich Antisemitismus zu trennen und die Reproduktion von vorhandenen Lehrmaterialien zu stoppen – hier gehe es oft noch zu stark um einen historischen Antisemitismus. Statt dessen sprach sie sich für die Erarbeitung von verbindlichen Leitbildern sowie für die Entwicklung von standardisierten Interventionsverfahren bei antisemitistischen Vorfällen an Schulen aus.

Die anschließenden Panels boten Raum, einzelne Aspekte wie Zielgruppenansprache, Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis, die Bedeutung von migrantischen und muslimischen Selbstorganisationen oder Empowerment- und Beratungsstrukturen für Betroffene gezielt im Gespräch zu reflektieren. Hanna Veiler, Vizepräsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, fasste zum Schluss gemeinsam mit der Moderatorin Aisha Camara die wichtigsten Ergebnisse und Fragestellungen der Tagung zusammen. Sie betonten die Wichtigkeit von sicheren Räumen, in denen das Thema Antisemitismus verhandelt werden kann. Aktuelle Förderstrukturen politischer oder privater Träger böten dafür bislang häufig einen zu eng gesteckten Rahmen. Auch die Diskussion um gelungene Zielgruppenansprache war ein wichtiger Aspekt der Tagung: Wer wird mit welchen Angeboten erreicht? Wer wird mitgedacht und wer nicht? Einig waren sich die Rednerinnen, dass die Tagung Raum für wichtige Fragen eröffnet hatte – und sich selbst Fragen zu stellen und kritisch zu reflektieren sei der erste Schritt zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Abbildung 
Gemeinsam für zukunftsweisende Bildungsformate gegen Antisemitismus (v.l.n.r.): Erkan Binici (Mitgründer, Tübinger Islamgespräche e.V.), Aisha Camara (freie Moderatorin und Kommunikationsberaterin), Amin Rochdi (Geschäftsführer, Stiftung Sunnitischer Schulrat), Dr. Hussein Hamdan (Fachbereichsleiter „Muslime in Deutschland“, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart), Dorothea Kleintges (Beraterin, OFEK e.V.), Imen Ben Temelliste (Projektleiterin, Muslimische Akademie Heidelberg i.G.), Ahmed Haykel Gaafar (Leiter, Fachstelle PREvent!on des Demokratiezentrums Baden-Württemberg), Yasemin Soylu (Geschäftsführerin, Muslimische Akademie Heidelberg i.G.), Dr. Michael Blume (Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus), Sibylle Thelen (Direktorin, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg), Dr. habil. Mathias Berek (Projektleiter, Zentrum für Antisemitismusforschung TU Berlin), Désirée Galert (Geschäftsführungsteam, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus), Prof. Dr. Frederek Musall (Stellvertreter des Rektors, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg), Veronica Sartore (Projektleiterin, Kubus e.V.) und Hanna Veiler (Vizepräsidentin, Jüdische Studierendenunion Deutschland) 
© Muslimische Akademie Heidelberg i.G./ Roberto Bulgrin